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Clubsterben in Berlin? Was die neue Clubcommission-Studie wirklich zeigt

39 Prozent der Berliner Clubs machen Verlust, gleichzeitig sind die Floors voll. Die Studie „Clubkultur Berlin 2026“ zeigt, dass sich vor allem das Geschäftsmodell der Nacht verändert. Und was Partymacher daraus lernen können.

Freundesgruppe feiert in der Crowd

Die Schlagzeile schreibt sich fast von selbst: Berlins Clubs in der Krise. Wer die neue Studie „Clubkultur Berlin 2026“ genauer liest, findet aber eine Geschichte, die komplizierter ist und für Veranstalter deutlich interessanter. Die Studie fasst es selbst so zusammen: Berlins Clubkultur stirbt nicht, sie steht unter Druck, sich zu verändern.

Woher die Zahlen kommen

Die Clubcommission Berlin hat die Studie im Auftrag der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe erstellt und am 7. August 2026 auf der Hoppetosse vorgestellt. Den quantitativen Teil hat Goldmedia zwischen dem 19. März und dem 24. April 2026 erhoben. 163 Betreiberinnen und Betreiber haben angefangen, 102 haben den Fragebogen vollständig ausgefüllt. Dazu kamen 12 Interviews mit Clubgängerinnen und Clubgängern zwischen 22 und 28 Jahren. Die letzte große Erhebung dieser Art liegt sieben Jahre zurück.

Die harten Zahlen

  • 39 Prozent der Clubs haben das Geschäftsjahr mit Verlust abgeschlossen. 2017 waren es 21 Prozent.
  • Nur noch 61 Prozent arbeiten mindestens kostendeckend, 2017 waren es 79 Prozent.
  • 45 Prozent setzen weniger als 100.000 Euro im Jahr um, 2017 lag dieser Anteil bei 16 Prozent.
  • 23 Prozent denken darüber nach, in den nächsten 12 Monaten aufzugeben.
  • Seit 2020 haben mindestens 24 Clubs und Kulturorte geschlossen, rund 25 haben neu eröffnet.

Die größten Belastungen sind Personalkosten (64 Prozent), Betriebskosten (62 Prozent), die sinkende Kaufkraft des Publikums (60 Prozent) sowie Miete und Pacht (54 Prozent). Nur 8 Prozent der Clubs besitzen ihre Räume selbst, 31 Prozent haben Mietverträge mit weniger als fünf Jahren Laufzeit.

Der eigentliche Umbruch: Das Ticket trägt den Laden

Die spannendste Zahl steht etwas versteckt. 2017 kamen rund 60 Prozent der Einnahmen aus Gastronomie und Getränken und nur 21 Prozent aus dem Eintritt. 2026 hat sich das Verhältnis umgedreht: Der Eintritt macht 59 Prozent aus, Getränke nur noch 20 Prozent. Dazu passt, was die Betreiber über ihr Publikum sagen. 73 Prozent beobachten weniger Alkoholkonsum, 60 Prozent mehr alkoholfreie Getränke und 57 Prozent kürzere Aufenthalte. Die Gäste planen ihren Abend bewusster, gehen früher und trinken weniger.

Das alte Modell „günstiger Eintritt, Geld an der Bar“ funktioniert damit nicht mehr. 67 Prozent haben die Getränkepreise erhöht, 47 Prozent die Eintrittspreise. Gleichzeitig sagen 92 Prozent, dass Eintrittspreise für manche Gruppen eine Hürde sind. In genau dieser Klemme stecken gerade viele Clubs.

Die Nachfrage ist da

Und trotzdem melden 83 Prozent eine Auslastung von mindestens 50 Prozent, ein Drittel sogar von mehr als 75 Prozent. Clubcommission-Vorstand Marcel Weber bringt es auf einen Satz: „Die Tanzflächen der Berliner Clubs sind voll.“ Das Problem ist nicht das Publikum, sondern die Rechnung dahinter. Projektleiter Kai Sachse sagt, die Zukunft der Clubkultur entscheide sich „weniger auf dem Dancefloor als bei Fragen von Raum, Finanzierung und Planungssicherheit“.

Die Studie formuliert sechs Handlungsfelder. Dazu gehören landeseigene Flächen für Clubs, langfristige Förderung statt einzelner Projektgelder, die Prüfung eines „Club-Euro“, die Anerkennung von Clubs als Kulturorte und Mindeststandards für faire Gagen. 95 Prozent der Befragten sehen das langfristige Überleben vieler Clubs ohne strukturelle Verbesserungen in Gefahr.

Was Partymacher jetzt anders machen

Aus den Zahlen lassen sich ein paar Lehren ziehen, die weit über Berlin hinaus gelten.

Der Abend muss sich lohnen, bevor er beginnt. Wenn das Ticket die wichtigste Einnahme ist, muss klar sein, wofür man bezahlt: Line-up, Sound, Location und Produktion. Ein Abend, der sich wie ein Ereignis anfühlt, rechtfertigt seinen Preis.

Kürzere Nächte ernst nehmen. Wer weiß, dass die Gäste früher gehen, legt den Höhepunkt nicht auf fünf Uhr morgens. Ein starker Start und ein klarer Peak sind wichtiger als ein langer Ausklang.

Alkoholfrei als Qualität. Wenn 60 Prozent der Clubs mehr alkoholfreie Getränke verkaufen, gehört ein gutes Angebot ohne Alkohol auf die Karte und nicht nur Wasser und Cola.

Preisstufen statt Einheitspreis. MIDiA-Gründer Mark Mulligan sagt im IMS Business Report 2026 voraus, dass Standardtickets günstiger werden und VIP-Stufen die Kosten auffangen. Ein fairer Einstieg und ein Upgrade für alle, die mehr wollen, passen zu dieser Entwicklung und zur Kritik an hohen Eintrittspreisen.

Kooperieren. 55 Prozent der Berliner Clubs arbeiten bereits mit anderen Clubs oder Spielstätten zusammen, 39 Prozent vermieten ihre Räume häufiger extern. Eventreihen, Clubs und Marken rücken enger zusammen.

Für eine Eventmarke wie Red Tree, die ohne festen Club arbeitet, ist das weniger ein Grund zur Sorge als eine Arbeitsanweisung. Die Nachfrage nach guten Nächten ist da. Wer seinen Gästen einen Grund gibt, zu kommen, und den Abend so plant, wie sie heute feiern, hat gute Karten. In Berlin probieren wir das am 31. Oktober 2026 mit „Black & Blood“ zum ersten Mal selbst aus.

Fragen und Antworten

Wie viele Berliner Clubs machen Verlust?
Laut der Studie Clubkultur Berlin 2026 haben 39 Prozent der befragten Clubs das Geschäftsjahr mit Verlust abgeschlossen. 2017 waren es 21 Prozent.
Sterben die Berliner Clubs?
Nein, sagt die Studie. Die Auslastung ist hoch, 83 Prozent melden mindestens 50 Prozent. Das Problem sind Kosten, Mieten und ein Publikum, das weniger trinkt und kürzer bleibt.
Warum werden Clubtickets teurer?
Der Eintritt ist inzwischen die wichtigste Einnahme der Clubs, er macht 59 Prozent aus. Gleichzeitig steigen Personal- und Betriebskosten, 47 Prozent der Clubs haben deshalb die Eintrittspreise erhöht.
Es ist Mitternacht. Der Baum ist jetzt blutrot.